Selbstuntersuchung.

Warum es sich lohnt, dem eigenen Denken auf die Schliche zu kommen.

Im Niederländischen gibt es ein Wort, das ich sehr mag: zelfonderzoek. Auf Deutsch klingt „Selbstuntersuchung“ leider eher nach Arztpraxis. Gemeint ist aber etwas, das gerade für Menschen in verantwortlichen Positionen ausgesprochen wertvoll ist.

Nehmen wir Sabine, Führungskraft in einem Medienunternehmen. Sie hatte heute ein schwieriges Gespräch mit Peter, einem brillanten Journalisten und Moderator, aber eben auch einem sperrigen Kopf. Sie wollte ihn überzeugen, dem Thema Nachhaltigkeit in seiner Sendung mehr Raum zu geben. Es ist ihr nicht gelungen.

Auf der Heimfahrt im Auto lässt das Gespräch Sabine nicht los. Sie kann nun drei verschiedene Dinge tun:

1. Reflektieren
Sie lässt das Gespräch noch einmal Revue passieren. Was ist passiert? Wie hat Peter reagiert? Was beschäftigt mich daran? Das kann helfen, Erlebtes zu verarbeiten. Oder ins Grübeln führen, ohne gedanklich wirklich weiterzukommen.

2. Evaluieren
Sabine legt Kriterien an: Habe ich gut zugehört? Klar argumentiert? Fair gehandelt? Vielleicht prüft sie ihr Verhalten – wie Seneca es empfahl – an Tugenden wie Weisheit, Gerechtigkeit, Mut und Besonnenheit. Und fragt sich: Was könnte ich morgen besser machen?

3. Selbstuntersuchung betreiben
Jetzt wird es anspruchsvoller. Sabine gräbt tiefer. Warum bin ich eigentlich so überzeugt, dass Peter falschliegt? Welche Annahmen stecken hinter meinem Urteil? Welche Informationen blende ich aus? Suche ich vor allem nach Bestätigung? Wie könnte Peter die Situation sehen? Und was würde meine Position tatsächlich widerlegen?

Genau darin liegt der Unterschied: Selbstuntersuchung ist systematisch, kritisch und methodisch. Sie untersucht nicht nur, was wir denken, sondern wie wir zu unserem Denken gekommen sind, und ob man die Dinge auch anders sehen könnte.

Das ist unbequem, aber lernbar. Und enorm nützlich.

Für Menschen in Führungspositionen vielleicht eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt: nicht nur andere infrage stellen zu können, sondern auch sich selbst.

🤔 Wann hast Du zuletzt nicht nur über eine Situation nachgedacht, sondern Dein eigenes Denken dabei wirklich untersucht?

Genau dabei kann ich Dich unterstützen: klarer zu denken, eigene Annahmen zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln, zum Beispiel in einem Denkdialog für Führungskräfte.

Referenzen: Wiss, E. (2025). Even tussen mij en mij. Amsterdam: Ambo, pp. 31-37.
Photo-Credit: Jantine Doornbos, Unsplash.

Weiter
Weiter

Die Sokratische Ente – Klarheit in 5 Minuten.